Wetter: Richtige Winter gibt es in Deutschland kaum noch: Wächst deswegen die Sehnsucht nach Eis und Kälte? | SÜDKURIER

2022-08-27 03:29:37 By : Mr. Jackson Young

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An Kälte kann man sich gewöhnen. Man kann sich aber auch entwöhnen. Es fröstelt einen ja immer noch, man muss dafür derzeit nur abends noch eine Runde um den Block drehen und seinen Mantel offen stehen lassen. Der Punkt aber ist natürlich der: Kalt ist eigentlich anders, zum Beispiel in China, wo die Biathletin Stina Nilsson ein Foto von sich mit vereisten Augenbrauen postete und darunter schrieb: Das Wetter sei „knackig wie Kartoffelchips“. Das ist kalt.

Deutschland jedenfalls hat nicht wirklich gefroren in diesem Winter. Es war bislang ein zuletzt typischer ungemütlicher Winter, aber kalt? Richtiger Winter, können wir das noch, also aushalten? Oder sind wir so entwöhnt, dass wir, holla, schon auf dem Weg über den Supermarktparkplatz losschlottern? Und: Brauchen wir das?

Wobei aus wissenschaftlicher Sicht die Antwort doch eindeutig ist: Braucht keiner! 36,5 Grad Celsius ist die Kerntemperatur des menschlichen Körpers, die möchte er halten. Wenn aber draußen beispielsweise minus 20 Grad sind und man keine Mütze trägt, wird das schon schwer!

Warum? Weil der Körper seine Wärmeabgabe bei Kälte senkt, indem sich die Hautgefäße verengen, die Durchblutung runtergefahren wird. Am Kopf aber geht das nicht. Dort verengen sich die Gefäße nicht! Nur in den Ohren und der Nase… Deswegen Mütze also! Und am besten auch Schal, denn am Hals sind die meisten Kälterezeptoren.

All das hat einem übrigens gerade Hanns-Christian Gunga, Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Berliner Charité, am Telefon erklärt. Zuletzt hat Gunga das Buch „Extrem – was unser Körper zu leisten vermag“ (S. Fischer, 352 S., 23 Euro) veröffentlicht, man kann da sehr schön nachlesen, was der Körper alles zur Thermoregulierung unternimmt, wie der Wärmeaustausch funktioniert.

Um aber bei der Kälte zu bleiben: „Wir haben mehr Mechanismen, um Wärme abzugeben, als solche, um Wärmeverluste zu kompensieren.“ Erklärt sich aus der Entwicklungsgeschichte des Menschen natürlich, die ja eben nicht in einer eisigen Höhle in Kanada begann.

„Für den Menschen ist im Grunde alles schwieriger in der Kälte“, sagt Gunga. Er ist, so könnte man sagen, doch eher für den lauen Sommertag gemacht … träumt aber offenbar dennoch von der Kälte, knackig wie Kartoffelchips?

Vielleicht erklären sich so auch einige Trends, die alle mit Eis oder Winter anfangen. Wintercampen, Winterbiken, Winterwandern, Eisbaden – wovor Gunga zumindest all jene, die es aus Jux und Tollerei ausprobieren, dringend warnt: „Man begibt sich in eine Notfallsituation.“ Das Blut von den Extremitäten, also Armen und Beinen, wird zum Herzen hin verlagert. Unbedingt auf die Regelmäßigkeit des Herzschlages achten, sagt daher Gunga.

Jedenfalls springen überall winterentwöhnte Mitteleuropäer plötzlich ins eiskalte Wasser, in die Isar, in den Lech, in den Bodensee. Der Guru zum Trend heißt übrigens Wim Hof. Der Niederländer hält den Rekord im Eisbaden, stand schon einmal eine ganze Stunde, 52 Minuten und 42 Sekunden bis zum Hals in einer Tonne mit Eiswasser. Man muss Professor Gunga eigentlich nicht fragen, ahnt ja die Antwort: „Das würden Sie nicht überleben.“

Was man aber übrigens locker schafft: drei Minuten bei 110 Grad minus, nahezu unbekleidet. Sogenannte Kryosaunen – kryo, griechisch für Kälte – sind quasi das Gegenmodell zum Heizpilz: Gegen Schmerzen sollen sie helfen, das Immunsystem stärken, die Haut straffen... ich habe es getestet. Es ist wirklich sehr kalt, es kribbelt einen ungemein, danach aber wird es einem wunderbar warm und es kribbelt noch etwas mehr. Angeblich verbrennt man durch einen Besuch etwa 500 bis 800 Kalorien mehr.

In der Iglu-Lodge, ein Eishotel auf dem Nebelhorn im Allgäu in 2000 Metern Höhe, kann man dagegen in ein Fass mit heißem Wasser steigen. Danach geht man zum Käsefondue ins Eisrestaurant, nimmt später einen Drink in der Eisbar, und dann ab zum Schlafen im Expeditionsschlafsack ins Iglu, wo es im Übrigen aber angenehme null Grad hat. Für den diesjährigen Winter sei man bis auf wenige Tage ausgebucht, heißt es dort.

Wächst also die Sehnsucht nach der Kälte? Stellt man Ingo Oswald von Arktis Tours die Frage, antwortet er: „Ja, definitiv.“ Der Reiseveranstalter aus Kempten bietet Touren unter anderem nach Island, Lappland, Finnland, in die Arktis und die Antarktis, inklusive Südpol, an. Seit Jahren steigt die Nachfrage danach kontinuierlich. Ein Grund durchaus, glaubt er, sind die hier so bescheidenen Winter.

Was also reizt seine mollig warme Wohnzimmer gewohnte Kundschaft an der Kälte? Es ist eine Mischung, sagt Oswald, die Minustemperaturen, das Raue, das Abenteuer, endlich mal die legendären Polarlichter sehen. Knapp 80 000 Urlauber besuchten im Winter 2019/20 die Antarktis per Schiff, etwa zehn Mal mehr als noch 15 Jahre zuvor.

Abgebucht wird das auch gerne unter dem Stichwort „Last-Chance-Tourismus“, das ewige Eis noch einmal sehen, bevor es schmilzt. Wobei Oswald den Begriff nicht mag, für seine Kundschaft auch nicht zutreffend findet: Da seien Arktis oder Antarktis oft schon lange Sehnsuchtsziele, etwas, das man einmal im Leben gesehen haben möchte.

Wer kennt denn noch schneidende, beißende, stechende Kälte? Vielleicht jene, die sich noch erinnern, wie der Rhein zugefroren war und sie an der Loreley das Eis sprengen mussten. Oder an die Bodenseegfrörne. Das war 1962/63, im bisher kältesten deutschen Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Die mittlere Temperatur lag von Dezember bis Februar damals bei minus 5,5 Grad. Im letzten Winter waren es 1,8 Grad, plus natürlich.

Früher, sagt Gunga, war die Kälte für den Menschen vor allem Bedrohung. Heute ist sie auch mal Event, eine Herausforderung im sonst vielleicht nicht so erlebnisreichen Alltag. „Für unseren Körper sind das ja besondere thermische Reize.“ Und: „Durch die Kälteexposition schüttet der Körper Endorphine und Stresshormone aus, die uns auch eine gewisse Genugtuung geben.“

Gerade in Zeiten von Corona, wo sich viele Menschen permanent im Homeoffice aufhalten, habe eine Gewöhnung an bestimmte Temperaturen stattgefunden. „Die beruht im Prinzip darauf, dass unsere Haut es nicht mehr gewohnt ist, adäquat auf Kältereize zu reagieren.“ Den Gefäßen, die sich verengen sollen, fehlt sozusagen das Training.

Ideal sei das mediterrane Klima, sagt Gunga, wobei, das sei mittlerweile in Europa schwierig zu finden. Also eines mit Temperaturunterschieden zwischen Winter und Sommer. Er empfiehlt übrigens statt Eisbaden eher Wechselduschen oder regelmäßige Spaziergänge.

Wobei es ja auch so ist: Kommt der kälteentwöhnte Mensch mal aus seiner Wohnhöhle heraus, fröstelt es ihn gleich. Holla! Der Winter fühlt sich dann so an, wie er eigentlich sein soll: richtig kartoffelchipsknackig kalt.

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